Transilvania-Romania

INHALT 

1. Zur kulturellen Bedeutung der Tracht in Europa  1.1. Die Ursprünge der europäischen Trachten 1.2. Die nationale Hausindustrie 1.3. Über die Gestaltung und Motivik 1.4. DieTracht und der Rhytmus des Lebens 1.5. Zwischen Ost und West  2. Kulturgeschichte der Trachten Rumäniens  2.1. Historische Grundlagen  2.2. Die Trachten Rumäniens 2.2.1. Die Trachtenformen 2.2.2. Das Trachtenhemd 2.2.3. Horror vacui: Motiv und Stickerei2.3. Die Trachten aus Kalotaszeg  2.3.1. Die Stickereien aus Kalotaszeg 2.3.2. Die Trachten, ein Überblick 2.3.3. Das Hemd (Ing) 2.3.4. Der Rock (muszuj) 2.3.5. Die Schürze (Kötény) 2.3.6. Manufakturstoffe und Blaudruck 2.3.7. Die Verarbeitung von Leinen

 

1. Zur kulturellen Bedeutung der Tracht in Europa

1.1. Die Ursprünge der europäischen Trachten

Sich zu kleiden entdeckte der prähistorische Mensch im späten Paläolithikum. Er stellte aus Pflanzenfasern haltbare Schnüre her, aus denen er einfache Schurze und Hüte machte, die frühsten Formen der Bekleidung. Mit der Entdeckung der Schnurherstellung waren die Menschen in der Lage zu fangen, zu halten und zu tragen. Die entscheidenden, kulturellen Entwicklungen in der Frühgeschichte der Menschheit fanden im vorderasiatischen Raum statt. Um ca 4000 v. Chr. wurden in Mesopotamien gefranste Wolltücher wie Wickelröcke um den Körper geschlungen. Reich verziert und vorrangig wollene Kleidung findet man auch in den folgenden babylonischen und asyrischen Perioden. Und auch in der Zeit der Antike bestand die Zivilbekleidung aus drapierten Leinen- und Wolltüchern, dem griechischen Chiton und der römischen Toga. Im Mittelalter blieben im Westen keine Elemente der antiken Bekleidung erhalten, während im osteuropäischen Raum einige Stücke wie z.B. die T-förmige Leinentunika oder die Doppelschürze ihren Weg in die Volkstracht gefunden haben. Die Volkskunst an sich erhielt ihr Gesicht erst im Nachmittelalter, als sich die materielle Kultur von Stadt und Land immer weiter voneinander entfernten. Das Vorhandensein von klassen- und bildungsmässigen Unterschieden gehört zu den Grundvoraussetzungen für die Entwicklung der Volkskunst. Noch im Mittelalter war die Bauernkleidung in Europa überwiegend einheitlich, ohne spezielle Schnitte und in gedämpften Farben. Mit dem Zusammenbruch der feudalen Systeme wurden die zuvor strengen Kleiderordnungen aufgehoben, denen sich das einfachen Volk bisher beugen musste, und erst so war die Möglichkeit der Abgrenzung durch Bekleidung gegeben. Die europäischen Trachten, so wie wir sie kennen, gibt es sowieso erst seit der Mitte des 18. Jh. Die grundlegenden Bestandteile der Bauerntracht aus dem 18/19 Jh, waren: Hemd, Rock und Schürze für Frauen. Hosen, Gürtel oder Schärpe und ein gerade geschnittenes Hemd für Männer. Textile Gegenstände für den Wohnbereich gab es allerdings schon länger. Seid so etwas wie die “Gute Stube” in den Bauernhäusern existierte, wurde diese zum Zentrum für aufwendigere Ausstattungsstücke. In Ungarn z.b. wurde dies im 15/16. Jh. möglich, da mit dem Aufkommen des von der Küche beheizten Ofens erst ein rauchfreies Wohnen möglich war. Mit der Dekoration und Gestaltung der Kleidung entstanden immer ausgeprägtere regionale Unterschiede, die Auskunft über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe gaben, und so fest verankert waren,das sie noch nicht einnmal durch Umsiedelungen zerstört werden konnten. Im Gegenteil. Trachten und Exemplare der Volkskunst spielen für die nationale Identifikation eine nicht unerhebliche Rolle. Die Schöpfungen der Volkskunst zeugen von der Mentalität der Bevölkerung, sie sind ein Ausdruck ihres schöpferischen Talents, und spiegeln Lebensweise, Geschmack und die Liebe zum Schönen wieder. Neben dem Ausdruck nationaler und regionaler Identität schuf man sich allerdings gleichzeitig erneut ein festes Ordnungssystem. Eine konservative Einstellung mit strengen Regeln, wachte über die moralischen und ethischen Normen im Dorf. Für jedes Kind, für jede Frau und jeden Mann gab es vorgeschriebene, dem Lebensabschnitt und Anlass, wie Arbeit oder Hochzeit, entsprechende Kleidung.

 

1.2 Die nationale Hausindustrie

Das Interesse einer breiten Öffentlichkeit an den traditionsorientierten Handfertigkeiten der ländlichen Bevölkerung begann mit der Industralisierung im 19.Jh. Verständlicherweise wuchs durch die zunehmende Maschinenfertigung die Wertschätzung für Handarbeiten und Handgefertigtes. Das Wort “Folklore” wurde in der ersten Hälfte des 19. Jh geprägt, als viele Intellektuelle in Europas den Mythos eines idyllischen bauerlichen Daseins nachhingen. Der Traum vom einfachen und wahren Leben, das war die Zeit der Romantik. Anlässlich der Pariser Weltausstellung von 1867 zeigte man erstmals Gegenstände aus dem Bereich der Volkskunst, die deutlich machen sollten, das die als vorbildlich empfundenen Überlieferungen noch nicht ganz erloschen waren und die Vergangenheit weiter lebte. So erkannte man in den Stickereien der rumänischen Frauenblusen altbyzantinische Dessins wieder und an norwegischen Schnitzereien aus Telemark entdeckte man eine bis in das Mittelalter zurückreichende Dekorationsweise. Auf der Weltausstellung 1873 in Wien gründet man eine eigene Abteilung mit dem Titel “nationale Hausindustrie”. Um 1900 wurde die Volkskunst immer moderner. Es waren Stichworte wie Urwüchsigkeit, Naivität und Einfachheit, die Kindlichkeit, die in den Bann zogen. Die Hinwendung zum Natürlichen und zu den Ursprüngen bestimmte wesentlich die kulturelle Situation um die Jahrhundertwende. Paul Gaugin, der Kubismus, der blaue Reiter, Henri Rousseau, suchten und fanden Urzustände und Urformen in der Kunst der Völker, von bayrischen Votivtafeln bis zu afrikanischen Masken. Primitivismus als romantische Vorstellung, gegen die Entfremdung von Leben und Kunst. Und nicht zuletzt als Wegbereiter der Moderne.

1.3. Über die Gestaltung und Motivik

1939 hat der Kunsthistoriker Walter Passarge die Gestaltungsgesetze der Volkskunst ausführlich und treffend zusammengestellt. Hierzu gehören unter anderem ihre Flächenhaftigkeit, die geometrische Vereinfachung der Formen, die zeichenhafte Typik der Gestalten und Dinge, die Bewegungslosigkeit, regelhafte Ordnung, Axialität, Symetrie und Dopplung, die einfache oder rhytmische Reihung, die konzentrische Ordnung, die ornamental-sinnbildliche Bedingtheit der Grössenverhältnisse, die klare zeichnerische Linienführung, die ungebrochene starke Farbgebung und schließlich die Tendenz zur Ornamentalisierung. Auch wenn die Möglichkeiten der Farben und des Färbens immer eng mit dem Stand der Technologie verbunden waren, gab es immer schon sehr mächtige Motive, die wegen ihrer mythischen Bedeutung über Jahrtausende hinweg erhalten geblieben sind. Dies waren in der Regel Motive, die vor Gefahren und Verletzungen schützen sollten. Dabei war jedes Detail und besonders auch ihre Positionierung wichtig. Verzierungen an den Öffnungen der Kleidung, an Halsausschnitt, Saum, Ärmelabschlüssen oder Taschen, sollten verhindern, das der Körper von bösen Geistern angegriffen wird. Gerne schützte man auch die besonders empfindlichen Körperstellen mit dicken und schweren Stickereien. Solche, gegen böse Geister eingesetzte Stickereiarbeitem waren meist geometrisch. Die Farben spielten natürlich auch eine symbolische Rolle, insbesondere rot galt als die Farbe des Blutes, die Farbe von Leben und Tod. Zu den fundamentalsten Motiven gehören Jagdszenen und die Darstellung der Mutter Erde, als archaische Göttin der Fruchtbarkeit, die häufig von mythologischen Motiven wie Vögeln, Hirschen, Pflanzen oder Pferden begleitet wurde. Das Motiv der Fruchtbarkeitsgöttin verwandelt sich häufig in einen Lebensbaum, eines der häufigsten Motive in der Stickerei, das auch als Adler oder Herz auftreten kann. Das oft in Osteueropa zu findende “Saatfeldmotiv” aus einer in vier Teile unterteilete Raute mit Punkt in der Mitte und das Rautenmotiv an sich lassen sich bis in die osteuropäische Jungsteinzeit zurückverfolgen.

1.4. Die Tracht und der Rhytmus des Lebens 

Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt für die Tracht war ihre Rolle für die Übergangsriten des Lebens wie Geburt, Hochzeit oder Tod. Besonders reich verziert war die Kleidung der jungen, heiratsfähigen Menschen. Dieser Reichtum fand in der Hochzeit seinen Höhepunkt um danach immer mehr abzuebben. Von einer bunten, detailverliebten und farbeprächtiger Ausgestaltung der Kleidung der Jugend zu gedeckten und dunklen Farben mit schlichtem Dekor und einer einfachen Bordüre am Halsausschnitt im Alter, bis zum endgültigen Schwarz der Witwen vor dem Tod. Fast überall auf der Welt wurden die Menschen in ihrem Hochzeitshemd, oder sogar in der ganzen Hochzeitstracht, beigesetzt. Damit sie von ihren Partnern in der anderen Welt erkannt wurden, aber auch aus anderen religiösen Gründen.

1.5. Zwischen Ost und West

Während osteuropäische Motive tief in den archaischen Glaubensformen verwurzelt waren, so war die Kleidung des Westens eher dekorativ als traditionell. Im Westen Europas setzte sich die Stickerei und eigentliche Handarbeit eigentlich nur auf Kopfbedeckungen und Schürzen durch, sie war nicht dazu da, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe deutlich zu machen, wie es in Osteuropa üblich war. Weit verbreitet war in Osteuropa der “Sarafon”, das T-förmige Leinenhemd, das um 2000 v.Ch. aus Vorderasien nach Osteuropa kam und die “panjóva”, die rückwärtige Schürze, aus der Jungsteinzeit, die damals deutlich machen sollte, das ihre Trägerin fruchtbar war. Die Vorder- und Hinterschürzen, der russischen und ukrainischen Trachten sollten nicht die darunter getragene Kleidung schonen, sondern den Schambereich vor bösen Geistern schützen. Eine andere wichtige Urform der Schürze ist die Schürze aus Schnüren, die, da sie weder wärmte noch ein Zeichen von Schamhaftigkeit gewesen sein konnte, eine soziale Funktion gehabt haben musste, nämlich die Betonung der weiblichen Fruchtbarkeit. Wenn man so will, der erste hot & sexy stuff für Steinzeitfrauen. Die Schnürschürzen und Röcke sind von der Altsteinzeit bis heute in weiten Teilen Osteuropas erhalten geblieben. Die Trachten in Westeuropa bestehen bis heute in der Regel aus einem gerafften Rock, einer hellen Hemdbluse und einem geschnürten Mieder. Ein Grundensemble, das allgemein als Dirndl bezeichnet wird. Im Westen Europas gab es auch das Phänomen der erfundenen Tracht, so geschehen in Wales im 19. Jh. Hier wollte man mit hohen Hüten und wallenden Umhängen den Hexenstil des 17 Jh. wieder aufleben lassen. Oder der Schottenrock, der noch im 17 Jh. ein einfacher Rock der Schäfer gewesen ist und erst später durch sein spezielles Tartanmuster bestimmten Clans zugeordnet werden konnten. In Litauen wurde im späten 19.Jh. aus Protest gegen die russische Besetzung eine neue Nationaltracht erfunden. Das goldenen Zeitalter der Trachten ging im 20 Jh. durch Industrialisierung und Urbanisation zu Ende. Seine Zugehörigkeit zu einer regional begrenzten und definierten Gruppe zu demonstieren, war damals nicht mehr zeitgemäss. Dies gilt vor allem für Europa, denn der Rest der Welt ist immer anderen Bedingungen und Entwicklungen ausgesetzt gewesen. Ständige Migration und Austausch bestimmen die Geschichte, nicht nur die der Bekleidung. Und natürlich war und ist die Kleidung des Menschens eng an seine Lebensform geknüft. Sie hatte zu keiner Zeit nur praktische Aspekte, sondern immer einen Bezug zu den kulturellen, religiösen und spirituellen Gebräuchen eines Volkes. Ob nun römische Toga, Sari, Kimono oder Dirndl, immer spricht die traditionelle Kleidung eines Volkes die Sprache seiner Identität.

2. Kulturgeschichte der Trachten Rumäniens

2.1. Historische Grundlagen  

Von einigen Historikern wird die Trajansäule in Rom als eine Art Geburts-urkunde des rumänischen Volkes gesehen. Denn 107 n.Chr. wurde das Gebiet des heutigen Rumäniens mit seinen thrako-dakischen Einwohnern durch Kaiser Trajan erobert und als Provinz Dacia an das römische Reich angeschlossen. Nach dem Zerfall des römischen Reiches entwickelte sich im 14. Jh. drei Fürstentümer: Siebenbürgen, Moldau und Walachei. Siebenbürgen war lange Zeit Teil des mittelalterlichen Königreichs Ungarns, des Árpàden-Reiches. Auf ungarisch heisst Siebenbürgen “ Erdèlyi Fejedelemség.” Der Name Erdély  (Siebenbürgen) ist von „erdő“ (Wald) abgeleitet und weist auf das Gebiet „jenseits“ des Waldes hin, womit die riesigen Waldflächen der Tiefebene gemeint sind. Im frühen Mittelalter hatten die Ungarn die politische Macht im Karpatenraum, den sie ab etwa 895 n. Chr. besetzten und der ihnen im Vergleich zu anderen Landnahmen der Völkerwanderungszeit recht widerstandslos zufiel, da die dort angetroffenen Bevölkerungsgruppen selber nur sehr schwache Herrschaftsgebilde besaßen. Zwischen dem 10.‒13. Jahrhundert wurden in den Grenzgebieten Völker zur Sicherung der Grenzen angesiedelt. Die wichtigsten waren die Szekler, eine ungarisch sprechende ethnische Minderheit. Auf Veranlassung des ungarischen Königs ließen sich ab 1146 n. Chr. die ersten deutschen Siedler nieder. Durch Lokatoren angeworben, kamen sie, um die leeren Gebiete zu füllen, die Grenzen zu sichern und die Wirtschaft zu beleben. Die Bezeichnung  “Sachsen” (Siebenbürgener Sachsen) entstammt dem lateinischen “Saxones” in alten ungarischen Urkunden, womit die deutschen Einwanderer bezeichnet wurden, was mit ihrer Herkunft jedoch nichts zu tun hatte. Bis heute sind 12,2 Prozent der rumänischen Bevölkerung mitwohnende Nationen, von denen der Grossteil davon Ungarn und Deutsche sind. Das Land ist bis heute als Vielvölkerstaat sehr davon geprägt. Mit dem Ende dieser ungarischen Dynastie wurde Siebenbürgen ab dem späten 13. Jahrhundert faktisch autonom. Dabei repräsentierten die Stände die Interessen der ungarischen Adligen, der Siebenbürger Sachsen, der Szekler und zunächst auch der Rumänen. Nach 1437 hatten die Rumänen allerdings kein Mitspracherecht mehr. Sie galten sogar bis ins 19. Jahrhundert verfassungsrechtlich lediglich als geduldet und wurden gezielt ausgegrenzt. Durch das türkische Vordringen in Ungarn (1526–1686) zerbrach das Land schließlich in drei Teile. Der größte Teil kam unter türkische Herrschaft, einer geriet unter habsburgische Herrschaft, das andere  wurden als untertäniges Fürstentum Siebenbürgen unter die Oberhoheit des Osmanischen Reiches gestellt. 1711 wurde endgültig die österreichische Kontrolle über ganz Ungarn und Siebenbürgen hergestellt und die siebenbürgischen Fürsten wurden durch österreichische Gouverneure ersetzt.1867 kam es zum Ausgleich und damit zur Etablierung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn. Siebenbürgen wurde dabei der ungarischen Reichshälfte angeschlossen, womit der autonome Status Siebenbürgens, welcher mehr als 700 Jahre gedauert hatte, aufgehoben wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Siebenbürgen 1918 Rumänien zugeteilt und 1920 im Vertrag von Trianon festgeschrieben.

Während der kommunistischen Herrschaft von Nicolae Ceausescu, zwischen 1965-1989 sollte das Agrarland Rumänien mittels Umsiedlungen in einen Industriestaat verwandelt werden, was in den 70er Jahren zu einer Versorgunskrise führte. Rumänien erholt sich bis heute nur langsam von den langen Jahren der Diktatur und Misswirtschaft. 2007 wurde Rumänien Mitglied der europäischen Union, was noch immer an vielen Stellen des Landes kaum zu glauben ist. Im ganzen Land gibt es bis heute ca 250 km Autobahn, die vor allem rund um Bukarest angelegt ist. Ein wenig so wie die rumänische Stickerei, die auch nur dort angebracht wird, wo sie auch zu sehen ist. Rumänien war, und ist auch heute noch, in weiten Teilen des Landes wie Maramures und der Bukowina sehr ländlich geprägt. Berge und Wälder beherrschen die Landstriche, heute sind immer noch ca 27 % des Landes von Wäldern bedeckt. Es liegt nahe, das Rumänen meist Hirten und Bauern waren. Da sie aber, durch die günstige geographische Lage am Seeweg von Donau und schwarzem Meer, einen regen Austausch und Handel, betrieben, waren sie der Welt der Waren gegenüber immer aufgeschlossen.

2.2. Die Trachten Rumäniens 

Die gesamte Volkskunst der Rumänen entwickelte sich unmittelbar aus dem thrako-dakischen Kulturkreis, wurde aber auch von griechisch-römischen und byzantinischen Strömungen berührt. Vielleicht ist ihr augenscheinlichster Wesenszug ihr betont dekorativer Charakter, der in ihren vielfältigen Anwendungsbereichen zum Ausdruck kommt, ob nun Trachten, Keramiken oder Holzarbeiten. Die Bauern versuchten mit ihren Schöpfungen immer das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden. Volkskunst ist immer eng mit der Arbeit, der Wirtschaft, dem sozialen Leben, dem Brauchtum und dem Glauben verbunden. Als ein Ausdruck der durchorganisierten bäuerlichen Gemeinschaft, eine ästhetische Umformung ihres Volksbewusstseins und ihrer rumänischen Identität. So stolz wie der Rumäne auf seine Nationalttät ist, so stolz ist er auch auf seine Tracht, die so oder so mit Würde und Noblesse getragen wird.

Die Entwicklung der rumänischen Tracht aus der thrako-illyrischen Kleidung ist wissenschaftlich gesichtert. Die Grundstruktur der dakischen Tracht findet man in allen Varianten der rumänischen Volkstracht wieder, seien es die langen Hemden mit Gürtel und kurzem Mantel für die Männer oder die Wickelröcke und die gerafften Halsausschnitte an den kragenlosen Blusen der Frauen. Dies zeigen anschaulich noch heute die Darstellungen der Daker auf der Trajanssäule in Rom. Auch Herstellungs-verfahren wie das Leinen und Flachsweben sind bis in die Antike zurückzuverfolgen. Die Schafzucht und Wollgewinnung, das Weben auf dem Webstuhl und das Färben mit pflanzlichen Farben sind in jahrhundertelanger Tradition bis heute weitergegeben worden. Durch die besondere Situation in Rumänien konnte das Handwerk so lange erhalten bleiben. Erst im 19. Jahrhundert setzten sich auch industriell gefertigte Garne wie der Baumwollfaden durch. Ein weiterer wichtiger Wesenszug der rumänischen Volkskunst ist ihre grosse Einheitlichkeit, die trotz der grossen regionalen Unterschiede besteht. Zurückzuführen ist dies auf die geographisch isolierte Lage des Westkarpatenbogens, in dem alle Einflüsse lange Zeit unverwässert bestehen konnten. Rumänien war eine lateinische Sprachinsel im Nordosten des römischen Reiches, die lange kulturhistorisch isoliert war. Innerhalb dieses abgeschlossenen Raumes gab es für die Abgrenzung viele unterschiedliche, lokale Systeme. Wichtig ist dabei natürlich der Einfluss der anderen im Land lebenden Nationen, wie den Siebenbürgener Sachsen, den Seklern und den Ungarn. Die Einheitlichkeit der Trachten beruht auf einer ähnlichen Schnittführung mit meist rechteckigen Stoffteilen, der Rohstoffe und dem in der Regel auf weissen Grund angebrachten Dekor in den Kontrastfarben Schwarz, Blau und Rot. Diese Einheitlichkeit bleibt erhalten, trotz der Änderungen von Epoche zu Epoche, von Gebiet zu Gebiet, dem Alter der Trägers, dem Anlass und der Jahreszeit.

Stilistisch zeichnet sich die Volkskunst durch ihr Gleichgewicht und Gleichmass sowie die sehr präsente Idee von Rhythmus aus. Die Textilkunst besitzt die reizvolle Widersprüchlichkeit einer geordneten Phantasie, mit dem betonten Sinn für das Dekorative und Prächtige auf der einen Seite, und dem strengen Denken in Ordnung, Symetrie und Gleichgewicht auf der anderen. Das Weiss als Grundfarbe sorgt dafür das die Muster ausgewogen und effektvoll plaziert werden können und gibt der Tracht ihre natürliche Eleganz. Die schönsten, ausgewogensten und gelungensten Trachten entstanden in der Zeit zwischen 1880 bis 1930. Es war die Zeit in der die funktionalen Aspekte der Urtracht durch soziale, ethische und kuturelle Kontakte so angereichert und verfeinert wurde, das sie sowohl schön und aufwändig, als auch funktional war. Die Tracht, als ein adäquater Ausdruck der Volksseele, war in dieser Zeit auf dem Höhepunkt ihres Seins. Besondere Bedeutung hatten die Trachten für die Meilensteine des Lebens, die Phasen der Übergänge wie Hochzeiten, Konfirmation, Taufe und Beerdigungen. Dann wurden Trachtengeschenke wie Handtücher oder Hemden gemacht, die speziell für diesen Anlass entwicklte Dekore hatten, als eine Art der  kodifizierten Kommunikation.

Schon die Romantik und der Historismus, die auf die französische Revolution folgten, brachten die Endeckung der Folklore, Volkskunst und der Trachten mit sich. Damals galt es für das höhere Bürgertum als schick, Teile der alten Trachten in ihre moderne Kleidung zu integrieren oder das Heim zu schmücken. Zwischen den Kriegen gab es eine richtige Folklore-Modeströmung, in der sich die Intellektuellen der Städte und auch die Königsfamilie in Trachten kleideten. 1900 malte Henri Matisse mehrere Bilder zum Thema „la blouse roumaine“. Es war natürlich nicht nur die Volkskunst Rumäniens, die die Künstler der klassischen Moderne in den ersten Dekaden des 20 Jh. beeinflusste. Doch gab es immer auch Überschneidungen mit Rumänien. Das Werk von Constantin Brancusi, der 1876 in Hobita in Rumänien geboren wurde, stand ebenso in enger Verbindung mit den Holzarbeiten der rumänischen Volkskunst wie mit afrikanischer Stammeskunst und ozeanischen Formen.

 2.2.1. Die Trachtenformen

Für die Trachten der Frauen gibt es drei verschiedene Typen und Silhouetten. Die Tracht mit dem zweigeteilten Schürzenrock, die schlank machte, die elegante Tracht mit Wickelrock und die Tracht mit dem eingereihten Faltenrock, die eine kegelförmige Silhouette und eine konstruktivistische Form ergab. Für den Rock gibt es drei wichtige Kriterien: Seine Grösse, die Art und Weise ihn zu tragen, ob gewickelt oder herabfallend, und sein Dekor. Dagegen gab es bei den Männern meistens eine sehr einheitliche Formgebung. Die Männertracht besteht aus dem Trachtenhemd, das meist bis über die Hüfte geht, aber auch knielang oder, im Süden Rumaniens, auch knöchellang sein kann. Darüber trägt der Herr je nach Jahreszeit, Gebiet und Alter eine Weste, ein Pelzleibchen oder einen Pelzmantel. Oder einen Wollmantel.

2.2.2. Das Trachtenhemd 

Das wichtigste Kleidungsstück, der Grundstock jeder Tracht, ist auch hier das Hemd. Es gibt zwei Arten des Trachtenhemdes. Zum einen den Archetypus des geraden Hemdes (Vlahil), das aus einem Stück gefertigt war, und vor allem von alten Frauen getragen wurde. Man kennt den Schnitt schon von den Dakern. Für die Bewegungsfreiheit nähte man unter der Achsel ein Zwickel ein, der pava oder broasca (=Frosch). Der andere Typ ist das Faltenhemd, das am Halsausschnitt gerafft ist und aus mehreren Teilen zusammengesetzt ist. Hier gibt es viele weitere Unterteilungen, je nachdem wie die Achsel und Arme angesetzt und verziert worden sind. Solch eine Bluse stellte Henri Matisse in seinem Bild “La blouse roumaine” dar. Jeder Trachtenhemdtypus hat eine charakteristische Anordnung der Stickerei und ihrer Motive, wobei der Schnitt das ordnende Element des Dekors ist. Beim Faltenhemd ist die Achselstickerei sehr reich und ausgeprägt, beim gerade geschnittem Hemd werden die Partien zum Halsausschnitt sowie der Schulteransatz betont. Für das Faltenhemd ist die Stickerei des Ärmels und als struktierendes Element die Achselstickerei am prägnantesten. Der dreiteilige Dekorcode ist fast immer gleich: Neben der Achselstickerei, dem altita, gibt es auf dem Ärmel einen einreihigen horziontalen Einsatz, incret genannt, und unterhalb der Achsel und Schulter diagonale Zierstreifen, dem râuri.Transilvanische Hemden haben dazu oft noch einen Volant. Die Achselstickerei ist prägend für die gesamte Tracht und galt als die Krönung der Stickerei und Zierde. In der Literatur Rumäniens wurde sie oft als Inbegriff der Schönheit zitiert oder besungen.

2.2.3. Horor vacui: Motiv und Stickerei 

Das Dekor gehört zum wichtigsten Element der Volkstracht. Die Stickereien und Applikationen zeigen eine auf den Regeln des Kontrastes beruhende Farbigkeit, in der grosse weisse Flächen neben den Kontrastfarben Schwarz, Rot und Blau stehen. In der Regel sind Hemden und Blusen mit Näh- und Stickapplikationen verziert, von der Taille abwärts wurden die Muster meist direkt eingewebt. Eine wichtige Rolle für die Herausbildung der Motive spielten die Lokaltraditionen und sozialen Faktoren. Die Altersunterschiede der Träger wurden durch das Dekor des Trachtenhemdes und die Stoffe der Wickel- und Schürzenröcke gekennzeichnet. Rot war die Farbe der jungen Frauen, die Älteren trugen dunkle Töne oder Schwarz. Das galt auch für Männer. Rot galt allgemein als die Farbe, die vor dem bösen Blick schützt. Bestickt wurden die Geweberänder zur Verstärkung und die Säume mit Durchbrucharbeiten und Langettenstich. Es wurde aber auch da viel gestickt, wo zwei Stoffstücke miteinander verbunden werden sollten, oder wo man des Schnittes wegen den Stoff raffte. Dabei bezeichnet man eigentlich die geometrischen Muster, die nicht vorgezeichnet wurden als Nähereien und nicht als Stickereien. Während z.b. die Pelze von Kürschnern und die Szürmäntel von Schneidern bestickt wurden, so wurden die häuslichen Textilien in der Regel von den Frauen für den eigenen Bedarf hergestellt. Eine Fertigkeit, die sie schon als junge Mädchen lernten. Als erste Lehrstücke bestickten sie meist Manschetten und Taschentücher, als sechs- oder siebenjährige dann bereits schon die Ränder von Bettlaken und Kissenbezüge. Mit besonderer Geschicklichkeit konnte man sich mit der Aussteuer, die nach der Hochzeit im Hause des Ehemanns zur Besichtigung ausgestellt wurde, viel Anerkennung verschafften. In manchen Gegenden Ungarns galten die Erzeugnisse als so eng mit ihrer Urheberin verbunden, das es Sitte war, kinderlos verstorbenen jungen Frauen ihre schönste Handarbeit mit ins Grab zu legen. In einigen Regionen Rumäniens wurden die Stickereien aussen an die Hauswand gehängt, um zu zeigen, das hier ein heiratsfähiges Mädchen wohnt. Für Heimtextilien wurden eindeutig geometrische Motive wie Rhomben oder mäandrische Linie bevorzugt. Nur im Banat, ab und an in Maramures und im mittleren Teil Transilvaniens findet man auch Blumenmotive. Im Süden Rumäniens dagegen findet man viele Darstellungen von Tieren und Menschen. Zum wichtigsten Element der Bauernstube gehört ganz klar die Fülle. Die Anordnung der Handtücher an den Wänden, die auf dem Bett mit der verzierten Seite nach vorne gestapelten Kissen, die Wandbehänge und Tischdecken lassen darauf schliessen, das es hier wohl eine Art Horror vacui gab, die Angst vor leeren Räumen.

2.3. Die ungarischen Trachten aus Kalotaszeg

Das Gebiet Kalotaszeg (Kalotawinkel) liegt ca 80 km westlich von Cluj-Napoca (Klausenburg, Kolozsvár) Kalotaszeg und besteht aus etwa 35–40 Dörfern. Zentrum ist  Bánffyhunyad, Huedin, die Siedlung mit der höchsten Einwohnerzahl. Hinsichtlich ihres Charakters gehört die Region von Kalotaszeg auch heute noch eher zur ungarischen Tiefebene als zu Rumänien. Die Volkstracht von Kalotaszeg sind aufgrund ihrer Formen und Farben, ihres überreichen Dekors und ihrer ästhetischen Geschicklichkeit mit die schönsten ungarischen Trachten überhaupt. Das Besondere sind neben den aussergewöhnlich schönen Stickereien ihre architektonischen und konstruktivistischen Formen, ihr Spiel mit den Volumen und mit der Steifheit der Stoffe. Die Tracht drückt sehr auffällig den Stolz und das Selbstbewusstsein ihrer Träger aus. Als Ungarn in der Diaspora pflegten sie in ihrem Willen nach nationaler Abgrenzung die Volkskunst und ihre Trachten ganz besonders. Der ungarische Ethnograph János Jankó schrieb über das Bestreben der Nationalitäten nach Abgrenzung folgendes: „Der Ungar hörte auf, sein Haar zu flechten, weil er nicht einmal dem Augenschein nach wie ein Walache aussehen wollte.“ Bis heute sind die Trachten der Ungarn in Rumänien lebendiger erhalten geblieben als in Ungarn selbst.

Die Menschen auf dem Hochplateau von Kalotaszeg richteten sich wegen der kargen Natur und ihrer Armut schon früh darauf ein, ihren Lebensunterhalt mit Hilfe von Handarbeit und Handwerk zu verdienen. Dazu gehörten neben den Trachten auch Tanz und Musik, Töpferarbeiten, Korbflechten, Holzschnitzereien und Architektur. In dem einst ausgedehnten Waldgebiet finden sich auch heute noch viele schöne Denkmäler der Holzschnitzkunst: Portale, Spinnrocken, verzierte Joche und Grabkreuze. Da die westlichen Einflüsse erst sehr spät in die Region gelangten haben die Volkstrachten der von Rumänen und Sachsen umgebenen Siebenbürgener Ungarn bis heute sehr viel altes und ursprüngliches bewahrt. Natürlich sind sie auch umgekehrt durch die enge Nachtbarschaft selber von Rumänen und Sachsen beeinflusst worden. Da man in Siebenbürgen seine Stoffe gerne selber fertigte, waren die Trachten weniger der Veränderung ausgesetzt als in Regionen, in denen die klassischen Trachtenschnitte oft mit Fabrikstoffen umgestaltet wurden. Dieser Konservativismus führte dazu, das die gesellschaftlichen Unterschiede weniger in der Kleidung bemerkbar waren, da alles sehr ähnlich war und blieb. Ein Beobachter schrieb: “Ihre Kleidung ist derart einförmig, das man den Reicheren nur an seinem speckigeren Gewand erkennen kann.” Speckig wahrscheinlich, weil sie mehr zu essen hatten.

Ethnographen wurden schon früh auf die Region und ihre ausserordentlich farbenfrohen Volkstrachten aufmerksam. Die erste Ausstellung über die Arbeiten aus Kalotaszeg fand 1885 statt. Aus dem grossen Interesse und den vielen Besuchern heraus entstand eine Art dörflicher Industrie mit dem Aufblühen der Volkskunst und dem Bewahren von Traditionen. 1896 wurde die Volkskunst von Kalotaszeg mit grossem Erfolg auf der Weltausstellung in Paris gezeigt. Ihr Einfluss reichte bis in den ungarischen Jugendstil. Der Art Noveau Künstler Aladár Kriesch fügte aus Respekt und Liebe zu der Region das Wort ‚Körösfoi“ zu seinem Namen hinzu. Körösfö, das heutige Izvoru Crioului (auf deutsch: Krieschwej) ist heute das Souvenirdorf der Region.

Der bekannteste Liebhaber der Trachten von Kalotaszeg war der ungarische Komponist Béla Bartók (1881–1945). Seine umfangreiche Sammlung die Trachten und Volkskunst aus Kalotaszeg befindet sich heute im ethnographischen Museum in Budapest. Gemeinsam mit Zoltán Kodály sammelte er auch die alten Volkslieder der Region, schließlich basierten seine Kompositionen vielfach auf der Volksmusik der Ungarn. Er war aber nicht der einzige. Im frühen 20sten Jh. kamen viele Künstler nach Kalotaszeg, die sehr von der grossen Raffinesse und künstlerischen Ausdrucksweise der Alltags- und Festkultur in dieser Region beeindruckt waren. Auch der ungarische Achitekt und Autor Károly Kós liebte die Volkskunst aus Körösfö, ebenso wie die Künstler der Künsterkolonie Gödöllo, der mondänen Sommerfrische für Budapester Adelsfamilien. Aber auch die Mittelschicht fand in der Zeit des Jugendstils grossen Gefallen an der Folklore aus Kalotaszeg, die in der bildenden und dekorativen Kunst so en vogue war. Das kam nicht von ungefähr, denn bei den Ungarn in Rumänien wurden im Laufe der Jahrhunderte viele Elemente, Techniken und Ornamente der Volkskunst von den gehobenen Klassen und breiten Bevölkerungsschichten adaptiert. Auch heute noch versucht man in Kalotaszeg vom Tourismus zu leben. Die Frauen bieten nicht nur ihre eigenen Sachen zum Verkauf an, sondern adaptieren vieles für die Touristen. Trotz allem fertigen sie noch immer für sich selbst die reich bestickten Kleidungsstücke an, die sie für ihren Besuch in der Kirche oder für die vielen Feste benötigen. Dabei ist eine Tendenz zu einer immer grösseren Farbenfreude und immer reicher und grösseren bestickten Flächen zu beobachten. So gibt es heute für jeden Tag in der Woche eine andere Farbe für die Schürze für den Kirchgang.

2.3.1. Die Stickereien von Kalotaszeg 

Die Stickerein wurden mit einem Gänsekiel oder einem Spindelende, das man in mit Milch verrührten Ruß tauchte, auf dem Leinen vorgezeichnet. Diese Art der vorgezeichneten Stickerei nennt man Irásos-Stickereien. Das Vorzeichnen übernahmen meist die älteren Frauen, da sie die zahlreichen Formen des unzähligen Musterschatzes auswendig kannten. Für die weniger begabten Stickerinen gab es Vorzeichnerinen und sogar Berufs-stickerinnen, die gegen ein geringes oder hohes Endgelt ganze Aussteuern bestickten. Sowohl bei der Kleidung als auch bei den Wohntextilien wurden immer nur die Stellen bestickt, die auch zu sehen waren. Neben dem oft verwendeten Kett- und Schnürstich wurden im Laufe der Jahre durch das Ausflüllen der Flächen mit Plattstich die Muster immer weiter verdichtet. Die häufigste Farbe ist noch immer Rot, gefolgt von Blau und Schwarz, mit aufsteigenden Alter. Während vor allem bei den sehr alten Stickereien die eher starren geometrischen Muster vorherrschen, gibt es auch heute noch viele stilisierte Blumenmotive, die bis in die italienische Renaissance zurückzuverfolgen sind.

2.3.2. Die Trachten, ein Überblick 

Die Tracht der Frauen besteht aus einem Hemd, mehreren Unterröcken, dem  Falten-Rock, einer bestickten Weste, der Schürze und einem grossen Kopftuch. Dazu kommen noch Gürtel, Kopfbedeckung, Schuhe, Taschentuch und Schmuck. In Kalotaszeg trugen die Frauen meist rote Ziegenlederstiefel. Die jungen Mädchen trugen vor der Hochzeit eine Párta, eine reich verzierte Perlenkrone. Sobald sie verheiratet waren gab es nur noch eine schwarze Haube mit gefalteten Seitenflügeln. Für die Männer war das wichtisgte Kleidungsstück der Szür, eine alte Art Filzmantel mit Ursprung in Asien. Er lässt sich auf bis auf die persische Invasion vor fast 2000 Jahren zurückführen. Der Szűr diente als Schutz gegen Sonne, Wind und Kälte, in der Nacht war er für die Schäfer Kissen und Decke. Am Sonntag wurde er in der Kirche getragen, auch auf Hochzeiten war es üblich, den reich bestickten Szür zu tragen.

2.3.3. Das Hemd (Ing)

Das wichtigste Stück der Unterwäsche ist das Hemd, von dem es zwei Arten, ein langes und ein kurzes Hemd, gibt. Für beide gibt es die Form mit gerade angesetztem Achselärmel und die mit rundgeschnittenem, eingesetztem Ärmel. Das kurze Hemd der Frau, das auf Renaissancetraditionen zurückgeht, reicht gerade so weit über die Taille, daß es vom Rockbund um den Körper zusammengehalten wird. Das lange Hemd bedeckt den Körper bis zur Hälfte des Unterschenkels. In einzelnen Gegenden wie Kalotaszeg, Torockó und Sárköz trugen besonders die Jugendlichen Hemden, die vorn, an den Manschetten und an den Schultern reich bestickt waren. Die Hemden der Frauen sind alle am Kragen, an den Manschetten und den Schultern mit Kreuzstichstickereien verziert. Die Männer trugen ebenfalls lange und kurze Hemden. Bei der Hochzeit spielte das Hemd des Bräutigams eine besondere Rolle: Es wurde im Hause der Braut gefertigt und in einem Aufzug zum Bräutigam gebracht, der es am Tage der Hochzeit anzog. Später trug er es nur zu besonderen Anlässen und war bemüht, es möglichst zu schonen, damit man es ihm noch als Totenhemd anziehen konnte. Die ältesten Formen der Hemden waren kragenlos, sie wurden am Hals höchstens mit einer Blende oder einem Bündchen eingefaßt. Das Hemd mit umlegbarem Kragen erschien erst Ende des vorigen Jahrhunderts und wurde vielerorts als Soldatenhemd (katonás ing) bezeichnet, was auf seinen Ursprung hinweist. Als sich das breiter gewebte Feinleinen (gyolcs)  durchsetzte, wurde das Hemd in vielen Gegenden außerordentlich weit. Bei diesen Bauernhemden mit den weiten flatternden Ärmeln (borjúszájú = Kälbermaulhemden) wurde der Stoff an den Schultern gerafft. Seit man in neuerer Zeit an den Hemdsärmeln Manschetten bevorzugte, wurde der Stoff an der Manschette zusammengerafft. In Kalotaszeg wurde das Männerhemd auf der Brust und an den Manschetten farbig bestickt. Das Männerhemd ist eigentlich ein Unterkleid, das in vielen Fällen aber auch als Oberkleidung diente, vor allem in den Gebieten, wo es bestickt wurde und sich so als schmucke Oberkleidung präsentierte.

2.3.4. Der Rock (muszuj)

Darüber trugen die Frauen vom Kalotaszeg den für ihre Tracht typischen Rock, den muszuj oder bagazia aus schwarzem Satin oder Stoff, der reich in Falten gelegt wurde. Ein Ende des Rockes wurde in den Rockbund gesteckt, so daß der weiße Unterrock hervorschauen konnte. In der Länge wurde der Rock in der Region Kalotaszeg nicht zusammengenäht, so das der muszuj nichts anderes als ein weiter, in Falten gelegter Wickelrock war. Um die vorne auseinanderstehenden Enden des Rockes zu verdecken, trug man eine Schürze. Der oberste Unterrock wurde sorgfältig in kleine Falten gelegt, da er unter dem Überrock, der vorne hochgesteckt wurde, hervorsah. Dieser Überrock hiess musszuj oder bagazia. Dieser sehr weite, schwarze Rock war innen mit bunten breiten Stoffstreifen besäumt. Wenn die nicht vernähten Vorderteile des Rockes zur Taillie hin hochgesteckt wurden, gerieten die bunten Säume nach aussen. An Feiertagen wurden gerne mehrere Röcke übereinander gezogen. An der Farbe des Randstreifens konnte man das Alter der Trägerin erkennen. Bis zum 40sten Lebensjahr war er rot oder gelb, zwischen dem 40-60 Lebensjahr  grün oder blau und ab 60 schwarz. Das gilt auch für den Überrock, den die Frauen erst seit Ende des vorigen Jahrhunderts tragen. Er ist bei den Mädchen rot, die Bräute tragen ihn in blau und die alten Frauen in schwarz. Alle Kleidungsstücke, die um den Unterleib gewickelt werden stehen mit dem muszuj in Verbindung und sind bis heute in Osteuropa und dem Balkan verbreitet.

2.3.5. Die Schürze (Kötény)

Die Schürze ist ein unentbehrliches Zubehör der weiblichen Tracht. Im Alltag schützt sie den Rock, doch wird sie in verfeinerter Ausführung auch an Feiertagen getragen, so daß sie schließlich das reichverzierteste Kleidungsstück der Volkstracht der ungarischen Frauen wurde. Auch im Volksglauben kommt ihr eine wichtige Rolle zu, vor allem der Schürze der Braut, die die junge Frau nach der Hochzeit sorgfältig aufhebt, um ihr Kind, wenn es erkrankt, damit zuzudecken, denn das soll die Heilung beschleunigen. Die breite Schürze (bö köténty) verdeckt den Rock ringsherum fast völlig, während die schmale Schürze (szük kötény) nur aus einer Stoffbahn genäht ist und lediglich den vorderen Teil des Rockes verdeckt. Es gibt Schürzen aus hausgewebter Leinwand, doch die meisten sind mit Stickereien bedeckt und am Rand mit Spitzen und Bändern verziert. Die Schürzen der Frauen unterscheiden sich durch Farbe, Material und Verzierung von denen der Mädchen.

2.3.6. Manufakturstoffe und Blaudruck 

Manufakturstoffe spielten vom Ende des 18. Jh. an eine zunehmende Rolle in der Entwicklung der ungarischen Volkstrachten. Im 17. Jh. waren in Europa die Blaufärber aufgetaucht, die diese aus Ostasien eingeführte Technik des Färbens anwendeten. In den ungarischen Sprachraum drang das Blaufärben von böhmisch-mährischen, österreichischen und deutschen Gebieten über das Oberland und Westungarn. Bald waren im ganzen Karpatenbecken kleinere und größere Blaufärberwerkstätten tätig, die teils eigene, teils die von Kunden gebrachten Gewebe mit zumeist aus dem Westen stammenden Mustern bedruckten. Die verschiedenen Blaudruckstoffe wurden sowohl in der täglichen Kleidung wie in der Festtracht immer häufiger. Doch Manufakturerzeugnisse wie Samt, Seidenbrokat, Tuch und zahlreiche andere Stoffe verdrängten von der Mitte des 19. Jahrhunderts an vor allem in reicheren Gegenden beziehungsweise bei den wohlhabenden bäuerlichen Schichten den Blaudruck.

2.3.7. Die Verarbeitung von Leinen

Die Verarbeitung von Hanf und Flachs gehört kulturgeschichtlich zu den ältesten Verarbeitungsarten von Textilien. Jede Bauernfamilie baute gerade so viel Hanf und Flachs an, wie sie in einem Jahr verarbeiten konnte. Dicht beim Dorf, unabhängig von der Fruchtfolge, lagen nebeneinander die Hanffelder. Diese Ackerfläche konnten auch Mädchen erben, denn sie waren es, die den Hanf bearbeiteten, feines Leinen aus Flachs und grobes Leinen aus Hanf anfertigten. In den Karparten ist es üblich, das die Frauen alle Arbeiten die in Zusammenhang mit Textilien stehen, übernehmen, einschließlich das Pflanzen, Ernten, Spinnen und natürlich Weben. Da auf den winzigen Parzellen jedes Jahr die gleiche Kultur angebaut wurde, mußte der Boden gründlich gedüngt und bearbeitet werden. Vor allem der Flachs war in dieser Hinsicht anspruchsvoll. Die Bearbeitung des Bodens und die zeitige Hanfaussaat war Aufgabe der Männer. War die Aussaat beendet, warf man den Sack, die Saatschürze, hoch in die Luft – so hoch sollte der Hanf wachsen. Nach der Ernte wurde der Hanf getrocknet und gebrochen. Als weitere Verfeinerung folgt das Durchhecheln der Fasern, wozu man ein Holzbrett mit aufrechtstehenden spitzen Nägeln, die sogenannte Hechelbank, benutzte. Erst im Spätherbst, wenn alle Feldarbeiten beendet waren, holte die Bäuerin den Hanf für die Weiterverabreitung wieder hervor. Die Mädchen, die jüngeren und die heiratsfähigen, sowie die jüngeren und die älteren Frauen hatten getrennte Spinnstuben. In der Spinnstube trug man zwar keine Feiertagskleidung, doch zogen sich die Frauen und Mädchen ein hübscheres Kleid an als bei der täglichen Arbeit. In der Spinnstube gab es in der Regel eine festgesetzte Platzverteilung. Die Älteren saßen in der Nähe der Tür, die Jüngeren im hinteren Teil des Zimmers. Wenn die Männer mit ihrer Arbeit fertig waren, kammen auch sie in die Spinnstube. Die Zeit verging mit fröhlichem Erzählen, Singen und verschiedenen Spinnstuben-Neckereien. Die Spinnstube bedeutete nicht nur angenehme Arbeit in Gesellschaft und Unterhaltung, sondern war auch der Ort, an dem sich die Jugendlichen kennenlernen konnten. Zum Ende des Winters folgt die Garnwäsche,  eine Arbeit, die ebenfalls gemeinsam verrichtet wurde. Zuerst wird das Hanfgarn in Aschenlauge ausgekocht, dann zu Hause oder – in einzelnen Gegenden (Bodrogköz) – im Eiswasser der Flüsse und Seen gründlich ausgewaschen. Beim Auswringen halfen die Männer, die auch das gewaschene Garn vom Fluß oder vom Bach zurückbrachten. Nachdem es vor dem Haus oder auf dem Zaun getrocknet wurde, wurde es aufgewickelt und bis zum Frühjahr weggelegt, bis man mit dem Weben begann.

Die Hanf- und Flachsverarbeitung war einschließlich der bäuerlichen Hausweberei eine typische Frauenarbeit. Die Männer übernahmen nur die Aussaat, die Ernte und das Rösten der Faserpflanzen. Nur in den Städten waren die Leinweber ausschließlich Männer. Sie webten aus fertigem Garn, das sie entweder kauften oder das ihnen die Bäuerinnen als Bezahlung oder als Material für ihre Bestellung zum Weben brachten. Ab und zu ließen die Bäuerinnen auch glatte Leinwand beim Leineweber anfertigen, da dieser auf seinem Webstuhl breiteren Stoff weben konnte, doch meistens bestellten sie bei ihm besonders und in neuerer Zeit auch gemusterte Leinwand.

Bildnachweise und Erklärungen, der Reihe nach:  Wer sich auf einem der Bilder wiedererkennt oder im Besitz der Bildrechte ist, möge sich bitte mit uns in Verbindung setzten. Wir bitten vielmals um Entschuldigung falls wir die Bildrechte aus Gründen der Unrecherchierbarkeit verletzt haben sollten.

von links nach rechts und oben nach unten: 01. Foto: Karola Plicku, aus: Slovensko, Matica slovenská v Turcianskom Sv. Martine, Roku 1949 02. Links die Umrisse einer Frauenfigurine aus Ton aus Südrumänien, Mitte/Ende 2000 v.Chr.) 03. Trachten in Ungarn. v.l.n.r: Walachen, Ungarn, Slaven und Deutsche. Farbige Lithographie von Helmut Weber. aus: M. Krensz, Ungarische Bauerntrachten, Berlin, Budapest 1957 04. Tanz in Kalosca, Foto: Albert Kresz 05. Postkarte aus Budapest. Volkstracht aus Kalocsa. Alap Kiadóvállalata, Budapest 06. Henri Rousseau “Le Douanier” ca. 1905 Musée de l´Orangerie, Paris 07. Männertracht aus Gyimes-Bükkhavas, Rumänien. Foto: Albert Kresz 08. Ungarische Stickerei. Tafel aus: Volkskunst in Europa, Berlin 1926 09. Frauen aus Wales 10. Schweizer Tracht au dem 19 Jh 11. Flötenspieler aus Ocová. Foto: Karola Plicku. aus: Slovensko, Matica slovenská v Turcianskom Sv. Martine, Roku 1949 19. Frauen aus Bistrita-Nasaud. Foto: Ion Miclea aus: Romania, Sibiu 1982 20. Bauernpaar in Werktagskleidung aus Gyimes-Bükkhavas, Rumänien. Foto: Albert Kresz 21. Der junge Béla Bartók in Tracht und Möbel aus Kalotaszeg, 1908 22. Holzschnitzerei im Constantin Brâncusi Stil. Foto: Ion Miclea aus: Romania, Sibiu 1982. 23. Brâncusi- Säule in Targu Jiu 24. Frauenporträt in rumänischer Tracht, 1930 25. Maske „Cioban“, Darmanesti, Bacau. aus: Masks, Muzeul Taranului Român, Bucarest 2002 26. Henri Matisse, Le blouse romaine, Öl auf Leinwand, 1940. Centre Pompidou 27. Mädchen in rumänischen Trachten 28. Antike Trachten aus Sibiu. Foto: Elena Zlotea. Aus: Roumanie. Du trésor du costume populaire traditionnel. Editura Sport-Turism. Bukarest 1977 29. Mädchen in Tracht. Foto: Elena Zlotea. Aus: Roumanie. Bukaraest 1977 30. …. 31. Karte der ungarischen Minderheiten in Rumänien 32. Flachs trocknen in der Hohen Tatra. Foto: Karola Plicku, aus: Slovensko, Matica slovenská v Turcianskom Sv. Martine, Roku 1949 33. Familie aus Méra, Provinz Kolozs. Postkarte aus dem Néprajzi Museum, Budapest. Foto: Györffy István 34.Vorlage ungarische Stickerei. aus: Széki Iratosok, Judit Szentimrei, Bukarest 1982 35. Paar in Tracht aus Kalotaszeg.  aus M. Kresz, Ungarische Bauerntrachten. Budapest/Berlin 1957 36. Typische Innengestaltung und Kleidung aus Kalotaszeg 37. Bauernpaar vor ihrem Haus in Ruca, Arges. Foto: Ion Miclea aus: Romania, Sibiu 1982 38. Bestickte Männerweste. Foto: Elena Zlotea. Aus: Roumanie. Bukaraest 1977 39. Der Sür, der klassische Schaffellmantel für den Herren. Foto. lena Zlotea. Aus: Roumanie. Bukaraest 1977 40. Stickereien aus Kalotaszeg aus dem ethnologischen Museum in Cluj, Transilvania. 41. Stickstiche aus Kalotaszeg 42. Frau beim Wollespinnen 43. Typisches Stickmuster aus Kalotaszeg 44. Frau in Tracht aus Kalotaszeg 45. Frauen aus Torocko 46. Kissenstickerei aus Osteuropa 47. Mädchen in ungarischer Volkstracht. Foto: Károly Koffàn 48. Mann und Frau aus Debrecen, aus: M. Krensz, Ungarische Bauerntrachten, Berlin, Budapest 1957

 

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