Indochine

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Als die Franzosen 1887 die drei vietnamesischen Landesteile, Cochinchina, Annam und Tonkin, sowie das Königreich der Khmer und Laos, ihrem Kolonialreich anschlossen, nannte sie dieses Indochine, oder genauer die „Union Indochinoise“.

Der Begriff Indochina stammt von den französischen Geographen Conrad Malte-Brun, und sollte den Einflüsse Indiens und Chinas auf diese Gebieten Südostasiens gerecht werden. Schon rein geographisch liegen diese Länder in deren Einflußbereich, von oben rechts das umtriebige China, von oben links das spirituell durchwirkte Indien, und an den Seiten Wasser, so weit das Auge reicht. Was für ein grossartiges Versprechen der Name „Indochine“ in sich birgt: Ein Kolonialreich, das den Osten und Westen harmonisch miteinander zu verbinden verstand, und das Beste dieser zwei gegensätzlichen Welten auf schönsten Raum zusammenbrachte. Vor den Augen endlosen Reisterrassen, emsige Bauern bei der Ernte, alle tragen Non Lá´s, die kegelförmigen Strohhüten, elegante Kolonialvillen, Ventilatoren, Teakholz und Baguette, Marguerite Duras und ihre Liebhaber. Und dazu die saftige, nasse Ruhe der Tropen. Indochine, Cochinchina oder Cocochine, so heissen heute Restaurants und Filme, und wie alle Klischees ist auch dieses genauso wahr wie falsch.

Das Indochina im 20. Jahrhundert, das ist vor allen Dingen eins, Krieg. Mit dem Ende der Kolonialzeiten begann der Streit um die Unabhängigkeit und den damit verbundenen Abhängigkeiten zu den Grossmächten Amerika, China und Russland. Ein reales Schlachtfeld des kalten Krieges, zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Eine Kette und Verkettung militärischer Auseinandersetzungen, die die Länder Indochinas von 1941 bis 1979 ertragen mussten. Als die Franzosen 1945 nach Asien zurückkehrten, um sich ihre ehemalige Kolonie Vietnam, die sie 1941 an Japan hatten abtreten mussten, wiederzuholen, ging das Drama los. Es endete erst 1979, vier Jahre nach Kriegsende des zweiten Indochinakrieges, mit den Abzug der Amerikaner aus Südvietnam und dem Einmarsch der Vietnamesen in Kambodscha. Neben Vietnam und Laos war besonders die kombodschanische Bevölkerung betroffen, die sich durch ihren Autogenozid durch die Roten Khmer innerhalb der 4 Jahren der Herrschaft Pol Pots um ein Viertel verkleinerte, und damit quasi selbst auslöschte. Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit das in seiner Brutalität und Unerbittlichkeit den Taten der Nationalsozialisten während des dritten Reiches in nichts nachsteht. Die roten Khmer trugen als Zeichen für ihre Verbundenheit mit den Traditionen der Landbevölkerung, als Teil ihrer Uniform, einen rotkarierten Krama, den traditionellen Schal der Khmer, die zur ursprünglichen Bevölkerung Kambodschas gehören. Dieses Stück politisch gewordenes Textil gilt heute noch als Nationalsymbol der Kambodschaner.

Das Verstehen Indochinas fängt mit seiner Geschichte an. 1945 besetzte Frankreich Cochinchina, den Süden Vietnams, um wieder Fuss zu fassen als Kolonialherr. Mit gierigem Blick auf den Norden und die Mitte des Landes, auf die ehemaligen Reiche mit den schön klingenden Namen Tonkin und Annam. Diese wurden von Ho Chi Minh und den Việt Minh, der Liga für die Unabhängigkeit Vietnams, die unter der Führung der vietnamesischen Kommunisten stand, kontrolliert. Anfangs war Ho Chi Minh, der 1945 die Führung Nordvietnams übernommen hatte, durchaus bereit mit den Franzosen einen Kompromiss einzugehen. „Was mich angeht, ziehe ich es vor, fünf Jahre französischen Mist zu riechen, als für den Rest meines Lebens chinesischen zu essen.“ (1) Das aber sah der harte Kern der Việt Minh anders, 1946 gab Ho Chi Minh ihrem Druck nach und der militärische Kampf gegen Frankreich für ein vereintes und unabhängiges Vietnam begann. Er wurde 1954 mit der vernichtenden Niederlage der Franzosen in der Schlacht um die Dschungelfestung Điện Biên Phủ, an der Grenze zwischen Laos und dem Norden Vietnams, entschieden. An der Teilung des Landes in einen kommunistischen Norden und einem kapitalistischen Süden konnte auch das Ende des ersten Indochinakrieges im Jahr 1954 nichts ändern. Gemäss der Genfer Konferenz zogen sich die Franzosen aus Nordvietnam zurück, Laos und Kambodscha dagegen wurden unabhängig, frei von jeglicher Militärallianz. Dies allerdings nur scheinbar. Schon der erste Indochinakrieg war ein klassischer Stellvertreterkrieg zwischen den USA, der Sowjetunion und China. Seid 1950 unterstützten die Amerikaner Frankreich. Während sie 80 Prozent der Kriegskosten für Frankreich übernahmen, erhielt zur gleichen Zeit Nordvietnam vom kommunistischen China und der Sowjetunion militärische und finanzielle Hilfe. Diese Interessen und Verhältnisse blieben auch nach Ende des Krieges bestehen. Mitte der 50er Jahre begannen die Amerikaner zu fürchten die Republik Südvietnam durch die Gründung des Vietcong, der Nationalen Befreiungsfront für Südvietnam, an die demokratische Republik Nordvietnam zu verlieren. Was für sie das unbedingte Eintreten des Domino Effektes bedeutete: Wird ein Land kommunistisch, fällt das nächste auch. Das Interesse der Amerikaner wuchs, schließlich war ihr vordringlichstes Ziel die Stärkung der Anti-Kommunisten in Südvietnam und die Schaffung einer regionalen Sicherheitsorganisation. Südvietnam sollte auf jeden Fall verteidigt werden, um die Glaubwürdigkeit der USA zu beweisen. Die Ausübung dieser Vietnampolitik übernahm die CIA. Sie konnte sich freier bewegen, da sie nicht dem Kongress unterstellt war. Damit hatte sie einen Freifahrtschein für einen Krieg nach eigenen Regeln, völlig im Geheimen. Noch vor dem Beginn des Vietnamkrieges begannen die USA in Laos unter dem Vorwand humanitärer Hilfe diesen Krieg unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie führten ihn mit einer eigenen Fluggesellschaft, der Air America, einem geheimen Militärstützpunkt, Long Cheng, und einer eigenen Guerilla Armee, angeführt von den Generälen Phumi und Vang Pao. Wie der Rest der Soldaten waren die beiden Angehörige der ethnischen Minderheit der Hmong. Die Soldaten dieser Hmong Armee lebten bisher abgeschieden in den Bergen. Sie wurden von Thailändern ausgebildet und hatten zuvor noch nicht einmal ein Auto gesehen. Nun durften sie fliegen.

Über 2 Millionen Bomben fielen während des Vietnamkrieges auf Laos, das damit zum meist bombardierten Land der ganzen Welt wurde. Seid 1964 der Krieg seinen Anfang nahm, bestand die in der Genfer Konferenz beschlossene Neutralität und Unabhängigkeit von Laos nur noch auf dem Papier. Während im Gebirgsland die CIA und die von Nordvietnam unterstützte kommunistische Pathet Lao um die entscheidenden Schlüsselstellungen kämpften, versuchte im Süden die US Luftwaffe den Ho Chin Minh Pfad, der in weiten Teilen innerhalb von Laos an der langen Grenze zu Vietnam lag, mit aller Bombengewalt zu zerstören. In Laos fielen zwischen 1965 bis 1975 mehr Bomben als im zweiten Weltkrieg auf Deutschland und Japan zusammen. Das alte Königreich Laos mit seiner friedlich entrückten Bevölkerung ging an der ruchlosen Machtpolitik der beiden Supermächte unter Ausschluss der Öffentlichkeit zugrunde. Bis heute wurden keine Reparationszahlungen an die Zivilbevölkerung geleistet, dafür haben sie über 80 Millionen Blindgänger im Land gelassen. Leidtragenden der Krieges waren auch die Hmong, die nach dem Abzug der Amerikaner, schutzlos bei ihren ehemaligen Feinden zurückgelassen wurden. Viele flüchteten in das benachbarte Thailand und fanden von dort aus durch Auslieferungsverträge in den USA einen neuen Platz. Um die 300.000 Hmong sind bis heute nach Kanada, Australien, Frankreich und Amerika ausgewandert. Die grössten Hmong Gemeinschaften ausserhalb Asiens findet man in Kalifornien, Minnesota und Wisconsin. Seid Jahrhunderten von der Migration geprägt, leben sie hier in der Diaspora, verstreut und ausgegrenzt, fern ihres Ursprungs. Bis zu seinem Tod Anfang 2011, war Vang Pao, ihr alter, skrupelloser General im geheimen, laotischen Krieg, der Führer der „american hmong community“. Einige der in Laos gebliebenen „forgotten soldiers“, zogen sich noch weiter in die Berge, in den entlegenen Gebieten von Saysomboun zurück. Hier leben sie als verlassene, zukunftslose Guerillatruppen in der dritten Generation, ein einsames und entbehrungsreiches Dasein im Dschungel. Und kämpfen einen Kampf, den es gar nicht mehr gibt. Die ethnischen Minderheiten Indochinas, wurden trotz ihrer dezentralen Lage in der Abgeschiedenheit der Berge und Dschungel, immer wieder in die Konflikte hineingezogen. Im ersten Indochinakrieg verstanden es die Franzosen den Hass der Bergvölker auf die Vietnamesen, die sie immer weiter in die Berge hinein abdrängten und ihnen ihr Land nahmen, für ihre eigenen Interessen zu nutzen. Im zweiten Indochinakrieg waren es die Amerikaner, die die Hmong in den unzugänglichen Kriegsgebieten für ihre Zwecke benutzten. Den Hmong bot der CIA vermeintlichen Schutz vor den Bomben, die jeden Tag im acht Minuten-Takt fielen. Es gab einen guten Lohn, Lebensmittel und Unterkunft. Ein Leben in ungewohntem Reichtum, das sie teuer bezahlten. 30.000 Hmong kämpften im Vietnamkrieg für die USA, ihre Verluste waren zehnmal höher als die der Amerikaner. Und dann gab es noch das Opium, das die Hmong traditionell seid langer Zeit anbauten, schon zu der Zeit, als sie noch in China lebten. Sie bauten mehr Opium als Reis an, und rauchten es natürlich auch selber. Unter der Regie der Guerilla Truppenführer aus den Reihen der Hmong und mit der Infrastruktur und Protektion der CIA erreichte der Opiumhandel völlig neue Dimensionen. Mit eigenen Flugzeugen oder Air America konnten sie die Märkte in Saigon, Bangkok oder Manila beliefern, und damit vor allem die amerikanischen Soldaten. Auch die Viet Minh kauften sich in Laos Opium, sie verkauften es gegen Konsumgüter und kauften sich von dem verdienten Geld sowjetische Waffen bei den Chinesen. Es profitierten viele Allianzen von den Hmong, nur sie selber leider nicht.

Indochina, das waren drei Länder, in denen sich eine Vielzahl von Völkern einen gemeinsamen Lebensraum teilten. Ethnische Minderheiten, Kolonialherren und Völker, die schon seid Jahrtausenden dort lebten. Im Rückblick sagte Marguerite Duras über ihren Zwiespalt als Französin im Kolonialreich: „Wir waren mehr Vietnamesen als Franzosen, sehen sie. Das entdecke ich jetzt, und das es falsch war, diese Zugehörigkeit zur französischen Rasse, Pardon, zur französischen Nationalität. Wir sprachen Vietnamesisch wie die kleinen Vietnamesen, wie zogen nie Schuhe an, wir lebten halb nackt, wir badeten im Fluss; meine Mutter natürlich nicht, sie hat niemals vietnamesisch gesprochen, sie hat es niemals zu lernen vermocht, es ist sehr schwierig. Mein Baccalaureat hab ich mit Vietnamesisch bestanden. Kurz, eines Tages habe ich gelernt, dass ich Französin sei, sehen sie. Meine Mutter wiederholte uns oft: »Ihr, die ihr Franzosen seid…usw.«Einmal ist sie nach Saigon gegangen, sie brachte Renette-Äpfel mit, ich weiß nicht, wie sie heissen, die roten Äpfel? Sie zwang uns welche zu essen. Wir konnten sie nicht schlucken, wir sagten, es sei Baumwolle, Mit zehn Jahren hatte ich in Phnom Phen eine Art Appetitlosigkeit; man zwang mich, Beefsteaks zu essen, ich erbrach die Beefsteaks; wir waren wirklich Einheimische, waren Dschungelkinder.(2)

Vietnam besteht zu drei Vierteln aus Bergen und Hochebenen. Das schmale Land hat zwei grosse Deltas. Im Norden, in der Bucht von Tonkin, ist es der aus China kommende rote Fluss, im Süden der Mekong, der für fruchtbares Schwemmland sorgt. Am Rande dieser Deltas liegen die zwei Hauptstädte Vietnams, Hanoi und Saigon. Die Mitte des Landes, das annamitische Hochland, ist dagegen dünn besiedelt. Der Nordwesten Vietnams gehört zu den rauesten und kältesten Gebieten des Landes. Hier wohnen über 20 unterschiedliche ethnische Minderheiten, davon 750.00 Hmong und .680.000 Yao, die unter anderem auch Dzao, oder wie in Laos oder Thailand, Mien oder Iu-Mien, genannt werden. Sie behören zur zweiten grosse Volksgruppe der ethnischen Minderheiten in Vietnam. „Moi“ nannten die Vietnamesen die Menschen der Hill Tribes, die Wilden, le „savages“. Es gibt heute über 5 Millionen Hmong auf der Welt. Davon leben ungefähr 500.000 als Miao in China, 250.00 in Laos, 75.00 in Thailand und einige in Burma. Die meisten, etwa 900.000, leben in Vietnam. Dort gehören sie zu einer der 54 ethnischen Volksgruppen Vietnams. In Laos, das ohne Zugang zum Meer, eingekeilt zwischen Thailand und Vietnam liegt, leben heute 47 ethnischen Minderheiten, in Kambodscha 21. Sie werden Bergvölker von uns genannt, Hill Tribes oder Montagnards. Sie leben in den bergigen Regionen des Nordens und im zentralen Hochland von Vietnam, in Laos, im NordenThailands und in Burma. Sie gehören zu den Sprachgruppen Austro-Asiatisch, Austronesisch und Sino-Tibetan. Die Völker dieser drei Sprachgruppen kamen zu unterschiedlichen Zeiten nach Vietnam. Einige Volksgruppen, wie die Ede oder Gia Rai, leben schon seid Jahrhunderten in den zentralen, fruchtbaren Regionen, aus denen sie von zugewanderten Völkern immer weiter in die Berge abgedrängt wurden. Die meisten der Hill Tribes des Nordens sind allerdings erst vor etwas 150 Jahren aus China nach Südostasien eingewandert.

Sowohl die Hmong als auch die Yao gehören zur austro-asiatischen Sprachgruppe, die den Norden des Landes besiedelt. Die Yao sehen sich als Nachfahren des sagenhaften Drachenhundes Pan Hu, der eine chinesische Prinzessin ehelichen durfte, nachdem deren Vater, der Kaiser von China, demjenigen seine Tochter und die Hälfte seines Reiches versprach, der ihn und sein Land vor einem schrecklichen Monster befreiten würde, das sie bedrohte. Der tolle Hund vollbrachte die Tat und bekam die Tochter des Kaisers. Was die Hälfte des Reiches anging, so sagte der Kaiser allerdings, er habe nie gesagt, ob die Teilung senkrecht oder waagerecht verlaufe. So bekam der listige Kaiser den unteren, fruchtbaren Teil in den milden Hochebenen, und der Hund den senkrechten, oberen Teil mit den kargen, rauen Bergen. Dort wo die Yao wohnen, aber auch die Hmong. Die Hmong haben, wie die Yao, ihren Ursprung wahrscheinlich in der Mongolei und Sibirien. Ihre Geschichte ist über 5000 Jahre alt und ist bis zum 20. Jahrhundert zum grossen Teil nur in mündlicher Form überliefert. Die Hmong ließen sich in China etwa zur gleichen Zeit wie die Han-Chinesen nieder. Als Mongolen mit ungewisser Herkunft wurden sie jedoch nicht gerade gut behandelt. Das stark expandierenden Volk der Han-Chinesen verdrängte sie immer weiter, und so entwickelten sie sich zu einer ethnischen Minderheit. Die Chinesen nennen die Hmong Miao oder auch Meo. Meo meint im chinesischen „Katze“, gefolgt oft von der Endung „tze“ was dann soviel wie „Barbaren“ bedeutet. Die Hmong begannen sich in entlegenere Bergregionen zurückzuziehen und Ende des 18 Jh. in den Norden Vietnams, Laos und Thailand zu migrieren. Auch heute noch leben die meisten Hmong in China, in der Provinz Guizhou, wobei auch viele in Yunnan, Sichuan, Hunan und Guangxi leben. Ihre reichen Trachten wurden damals von den Chinesen „Miao Brocade“ genannt. Ähnlich den Hmong leben auch die meisten Yao heute in China, allerdings in der Provinz Guangxi, mit über einer Million. Ihren Status als ethnische Minderheit behielten sie überall bei. „Ethnische Minderheiten sind ethnische Gruppen, aber von einer spezifischen Art: der Begriff der Minderheit, der sich historisch auf die bei einer Abstimmung oder Wahl Unterlegenen und die von politischer Herrschaft Ausgeschlossenen bezieht, meint nicht nur ethnische Sonderheit und deren Merkmale im Sinne der genannten Definition von ethnischer Gruppe, sondern auch eine damit verbundene Benachteiligung oder Diskriminierung, eine Stellung minderer Rechte, minderen Ansehens und minderer Ressourcenverfügung; damit ist deutlich, dass Minderheit nicht notwendigerweise auch zahlenmässige Minderheit bezeichnet, sondern ein Verhältnis zwischen Gruppen, die Lebenssituation einer Bevölkerung. Ethnisch unterschiedene Gruppen, die in ethnisch heterogenen Staaten leben und über gleiche Rechte und Lebenschancen verfügen, sind ethnische Gruppen, aber nicht ethnische Minderheiten.“ (3)

Eine ethnische Gruppe, was die ethnischen Minderheiten ja auch sind, wenn nicht die „anderen“ wären, definiert sich als ein ethnisches Kollektiv, das die Vorstellung von einer gemeinsamen Herkunft hat, Zusammengehörigkeitsbewusstsein empfindet und über Gemeinsamkeiten von Geschichte und Kultur verfügt. Zudem gibt es eine kollektive Identität mit einem gemeinsamen Bewusstsein über sich selbst und als Urteil und Zuschreibung von aussen. Diese Identität wird durch Grenzziehung und Abgrenzung von anderen ethnischen Kollektiven bestimmt, wodurch ethnische Gruppen immer durch gemeinsame Beziehungssysteme und Institutionen verbunden sind. (4) Wie fast alle ethnischen Minderheiten sind die Hmong und Yao sehr von ihrer Staatenlosigkeit und den langen Jahren der Migration geprägt. Das führte unter anderem dazu führte, das es so viele verschieden Gruppen und Untergruppen innerhalb dieser ethnischen Minderheit gibt. Bei den Hmong sind es die Flower Hmong, deren Frauen sich extrem farbenfroh anziehen, es sind die Black Hmong, mit ihren dunkelblauen, gewachsten Kleidern, die White Hmong, die Red Hmong und die striped Hmong. Die Namen entstanden nach den Farben ihrer Kleidung, und waren zunächst nur als Brücken gedacht, die dann aber doch blieben. Bei den Yao gibt es um die dreizehn verschiedene Untergruppen, zum Beispiel die Red Yao, mit den roten Kopfbedeckungen, oder die White Yao, die bei Festivitäten weiße Hosen tragen und schwarze Zähne vom Bettelkauen haben. Vielleicht führt das Leben in unwegsamen Gebieten zwangsläufig in die Vereinzelung, zumindest geben Berge und üppige Vegetation die Möglichkeiten sich zu verstecken und ungestört die Idee seiner Identität zu verfolgen. Es ist nachvollziehbar, das die Gruppe, die Familie und Familienverbände, die zentralen Orte für sie sind. Dabei sind die Hmong ein Volk, das sehr grossen Wert auf seine Unabhängigkeit legt, „Hmong means free“, eine Phrase die die Hmong selber gerne für sich benutzen, ist allerdings mehr eine Romantisierung der eigentlichen Zustände. Der gemeinsame Wille dieser Völker nach Differenzierung drückt sich vor allem in nonverbaler Form aus, wie der Sprache der Tracht und Bekleidung, der Musik und des Tanzes, des Handwerks und Kunsthandwerks. Als Völker, für die Migration ein wichtiger Teil ihrer Geschichte ist, ist die Demonstration ihrer Identität durch die Tracht, als „beweglicher“ Teil ihrer Kultur, der leicht auf Reisen zu gehen vermag, besonders wichtig. Es vor allen Dingen die Einzigartigkeit der Kleider der Frauen, an der diese abgelesen werden kann. Die Männer tragen auch in den entlegeneren Gebieten heute kaum noch Trachten, sondern, mit kurzärmeligen Hemden und Stoffhosen, chinesische Massenware. Die Frauen allerdings schon, auch wenn es oft nur Drucke sind und keine echten Batiken, und Stickborten, die an der Stickmaschine entstanden sind. Je näher sie an den Viets, der vietnamesischen Bevölkerung, wohnen umso weniger Trachten werden getragen. Es ist eine Art Vietnamisierung, die nur die Älteren nicht mitmachen wollen. Weit in den Bergen, zum Beispiel in den Region von Lao Cai oder Bac Ha nahe der chinesischen Grenze, werden sie allerdings immer noch täglich getragen.

Die Trachten Indochinas haben eher simplen Nähtechniken. Ihr Reichtum besteht aus den Dekorationen, den Stickereien, Batiken und Applikationen. Durch kleinste Unterschiede in der Machart der Kleidung, den Modellen, dem Schnitt und der Dekoration erhält man Auskunft über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Dorfgemeinschaft oder Kollektives, über Status, Alter, Familienstand und die Fähigkeiten ihrer Trägerin. Das geht so weit, das man bei den Yao sagt, das ein Mann an den Stichen der Stickereien auf der Hose einer Frau, ihren Charakter erkennen könne, ihren Enthusiasmus, ihre Entschlossenheit und ihren Geschmackssinn. Wie alles sind auch die Trachten beeinflusst von ihrer Umgebung. So zeigt die Garderobe der ethnischen Minderheiten Vietnams an der Grenze zu Laos neben vielen Gemeinsamkeiten untereinander auch viele laotische Merkmale, ebenso wie bei den Volksgruppen, die nahe der chinesischen Grenze leben, viele chinesische Elemente zu finden sind. Die Sitte der Frauen, Hosen zu tragen, kommt aus China, ebenso wie die asymmetrische Vorderseite der Jacken, die so viel Bergvölker bevorzugen. Die Hmong Blusen der Frauen zeigen chinesischen Einfluss, ebenso wie die langen Mäntel und Hosen der Yao chinesische Wurzeln haben. Während die Techniken der Stickereien der Yao von China beeinflusst sind, sind es die Motive meistens nicht. Sie kreisen um die Thematiken ihres Lebens, es sind die Kinder, die Reispflanzen auf dem Feld, die Bäume oder der rote Fluss, die immer wiederkehren in ihren Stickereien. Aber auch die Temperaturen spielen eine Rolle. Die Hmong und Yao, die im Norden, in den Bergen leben, in denen es im Winter durchaus auch schneien kann, brauchen mehrere und wärmere Kleidungstücke als die Hill Tribes im südlichen oder mittleren Teil des Landes, die allein mit einem Sarong auskommen. Beeinflusst werden die Trachten auch von modernen Modeströmungen. Dabei werden einzelne Elemente immer im Kollektiv aufgegriffen. Es kann nicht sein, das nur eine Einzelne etwas Neues trägt. Zuerst sind es meistens die jüngeren Frauen, die sich für etwas Neues begeistern. Später wird es dann von allen Frauen, auch den älteren, übernommen. Der Einzelne jedenfalls versucht niemals sich zu exponieren.

Seid 1950 gibt es drei grosse Trends in der Trachtenmode Indochinas. Erstens die Verfügbarkeit von industriell hergestellten Stoffen, wie schwarzer Bauwolle. Auch heute noch bauen die Yao und Hmong das Hanfleinen, aus dem viele Stoffe der Trachten gewebt sind, an, aber es sind nicht mehr viele. Heute kaufen sie vor allen Dingen Baumwolle und Seide, für die besonderen Anlässe. Zweitens das Einsetzen von Anilinfarben, also chemischen Färbungen, die neben dem weiteren Verwenden von Indigo und anderen Naturfarben, verwendet werden. Um das typische Indigoblau zu erhalten muss ein Kleidungsstück 10-18 mal gefärbt werden. Gelb wird mit Hilfe des bitteren Bambus gefärbt, andere Farben wie Rot und Grün werden schon seid langer Zeit mit chemischen Anilinfarben erreicht. Und drittens die Verwendung von chinesischen Dekorationselementen wie Plastikperlen, Borten und Verschlüssen, die auf den Märkten der Regionen gehandelt werden. Unter den Volksgruppen gibt es eine lange Handelstradition. Da in den Bergen Baumwolle nicht angebaut werden konnte, waren die dort lebenden Völker schon immer auf das Tauschen der Baumwolle aus anderen Regionen angewiesen. Und da sie im Norden besonders gut sticken können, tauschen sie bestickte Borten und Applikationen gegen Stoffe. Das Herstellen der Trachten und das Handeln damit ist Frauensache. Mit fünf oder sechs Jahren fangen die Yao Mädchen an kleine Dinge, wie Mützen und Schals zu besticken. Spätestens mit zehn Jahren können sie es dann wie ihre Mütter. Eine Rock zu besticken dauert für eine Hmong Frau, wenn sie Vollzeit daran arbeitet, ungefähr einen Monat, als Teilzeitarbeit, neben dem Hof, den Kindern und dem Handeln, kann es bis zu sechs Monate dauern, bis er fertig ist. Auch wenn seid Mitte der 90er Jahre der Tourismus in Nordvietnam boomt, bleibt die Entwicklung am Souvenirmarkt langsam. Die Kleidung wird nicht für die Touristen gemacht, sondern in erster Linie für den eigenen Bedarf. Gerne verändern sie ihre Sachen für den westlichen Gebrauch und zerschneiden sie. Sie machen aus den Krägen der Jacken Käppis, aus den langen Mänteln der Frauen Tischdecken und aus allem, was übrig bleibt, Taschen, die asiatischen Dauerbrenner. Der Ethnologe Erik Cohen nannte diesen Prozess in seiner 1988 über die Bergvölker Thailands erschienen Studie, die „Boutiquisation“. (5)

Das passt heute auch zu Vietnam, auch wenn der Verkauf für die meisten ein Zubrot bleibt für den spärlich gedeckten Tisch. Dabei sind ihre Trachten so reich, besonders bei den Völkern im Norden. Die Red Yao heissen wegen ihrer roten Kopftücher so, die sie wie überdimensionale Kopfkissen auf ihren Köpfen zusammentürmen. Gerne sind ihre Ränder mir französischem Centimestücken verziert, die Yao legen grossen Wert auf Besitz und Anputz. Sie rasieren sich die Augenbrauen und den Haaransatz, was ihre Gesichter größer und runder erscheinen lässt. Ihre Tracht besteht aus einem langen, indigoblauen oder schwarzen, bestickten Mantel für die Frauen, mit Hosen, Stutzen, Kopftuch und Gürtel. Für die Männer aus einer kurzen Jacke, die nur wenig verziert ist, und einer schlichten, indigoblauen Hosen. Sowohl der lange Mantel der Frauen als auch die kurze Jacke der Männer haben auf ihrer Rückseite, zwischen den beiden Schulterblättern ein besticktes Quadrat, das „die Seele des Pan Hung“ symbolisiert, dem tollen Drachenhund und Urvater der Yao, der so betrogen worden ist. Gewebt wird nicht viel, die Yao sind Meister in der Stickerei. Ihre Arbeiten werden niemals mit einer Vorzeichnung angefertigt, sondern entstehen immer frei aus der Erinnerung und aus der Hand heraus. Die Farben ihrer Trachten, Blau, Rot,Weiß, Gelb und Grün, sind als Referenz an die fünf Farben des mutigen Drachenhundes zu verstehen. Sie setzen ihre Dekorationen partiell ein, sehr gut platziert, nach ausgewogenen Systemen. Die indigoblauen Jacken der Yaos in Laos sind zum Beispiel nur mit einem überdimensionalen magentafarbenen Pomponband um den Ausschnitt dekoriert. Anhand der Größe der Pompons lässt sich der Status seines Trägers feststellen. Insgesamt sieht das sehr schlicht und sehr elegant aus. Darauf legen alle grossen Wert, auch die Hmong Frauen: Elegant auszusehen. Es gehört für sie zum guten Ton und ist eine Frage der Höflichkeit und des Respektes den anderen gegenüber sich gut zu kleiden. Auch die Hmong sind Meister der Handarbeit. Besonders im Färben, mit all seinen Batik- und Abbindetechniken, dem Malen von Wachs und den daraus entstehenden Mustern während des Färbens. Allerdings genauso im Sticken, mit einer grossen Faible für erzählerische Stickereien und kleinteiligen geometrischen Mustern in Kreuz und Plattstich. Und auch im Plissieren, was man unschwer an den vielen Faltenröcken erkennen kann. Eine Besonderheit der Hmong ist es, das sie ihre Kleidung erst zusammennähen, wenn alle Einzelteile bestickt und verziert sind. Grossflächige Stickereien sind für die Festtage, während Batiken für den Alltag bestimmt sind. Bei den Black Hmong dominieren Indigoblau und Schwarz. Ihre Kleidung ist deutlich weniger dekoriert, als die der anderen Hmong Gruppen, aber dadurch auch besonders schick. Sie tragen als einzige lange, ärmellose, im dunklen Indogo glänzende Jacken und wickeln sich breite, schwarze Samtbänder als Wadenwärmer um, die sie mit bunten Bändern fixieren. Der Glanz auf ihren Jacken kommt durch das Reiben des Stoffes zwischen zwei Steinen zustande, mit Wachs und einer Flüssigkeit aus Eiweiss und Ochsenblut. Die Flower Hmongs, die die dekoriertesten und buntesten Kleider der Bergvölker Vietnams tragen, sind zahlenmässig die grösste Gruppe. Sie verwenden als Dekoration ebenfalls Batik, Stickerei und Applikation. Es sind vielen Techniken, die sie noch aus China mitgebracht haben, wie die umgekehrten Applikation mit der Hand, die man „Pa nDau“ nennt. Was soviel wie Blumenstoff bedeutet, auch wenn vielleicht gar keine Blumen darauf sind.

Das am meisten benutze Kleidungsstück in ganz Indochina und China ist die schürzenartige Babytrage, die in der Regel sehr opulent verziert ist. Fast jede Frau Südostasiens, die zu einer ethnischen Minderheit gehört, besitzt mindestens eine handgemachte Babytragen. Auch wenn sie selbst in einigen Gebieten keine Trachten mehr tragen, ihre Babytragen und Babymützen stellen sie oft noch von Hand her. Den ihren Mustern traut man auch heute noch die Kraft der Segnung und die Vertreibung von bösen Geistern zu. Besonders die chinesischen Babykappen der Hmong und Yao sind voller Symbole, die eine grosse Zukunft, Glück und Gesundheit versprechen, genauso wie sie vor den bösen Mächten beschützen. Das wäre doch schön.

 

Quellen: 1, Marc, Frey: Geschichte des Vietnamkriegs. Die Tragödie in Asien und das Ende des amerikanischen Traums. Beck, München 1999, S.19 2. Duras, Marguerite/Porte, Michelle: Die Orte der Marguerite Duras. Edition Suhrkamp. Frankfurt 1982 3. Friedrich Heckmann: Ethnische Minderheiten, Volk und Nation. Enke Verlag. Stuttgart 1992, S.55 4. ebenda 5. Howard, Michael C. & Kim Be: Textilies of the Highland Peoples of the northern Vietnam. Mon-Khmer, Hmong-Mien, and Tibeto-Burman. White Lotus Press, Bangkok 2002. Bibliographie: Patricia Cheesman: Lao-Tai Textilies. The Textiles of Xam Nuea and Muang Phuan. Amarin Press, Bangkok 2004 Eberle, Marc: Amerikas geheimer Krieg in Laos. Die grösste Militäroperation der CIA. Dokumentarfilm. Deutschland 2008 Hemmet, Christine: Traditional Costumes of the Hmong of Vietnam. Aus: Through the Threads of Time. Southeast Asian Textiles. River Books, Bangkok 2004 Lemoine, Jacques: To tell the Truth. Hmong Studies Journal No 9, S.29 www.hmongstudies.org Lewis, Paul and Elaine: Peoples of the golden Triangle. River Books, Bangkok 2002 Pourret, Jess G.: The Yao. the Mien and Mun Yao in China, Vietnam, Laos and Thailand Schliesinger, Joachim: Hill Tribes of Vietnam, Volume 1. Introduction and Overview. White Lotus Press, Bangkok 1997 Thompson, Andrea: Textiles of South-East Asia. Crowood Press, Wiltshire 2007

Bildunterschriften: 1.Postkarte aus der Halong Bucht, Anfang 20 Jh. 2. Karte des alten Indochinas  3. Ho Chi Minh beim Lesen, 1957  4. Frau aus Tonkin, Nordvietnam ca 1910. 5 und 6. Hmong Soldaten in Laos. Fotos: Dinh Dang Dinh 7. Zaun aus Bombenteilen in der Ebene der Tonkrüge, Provinz Xieng Khouang, Laos. 8. Hmong in Californien beim Neujahrsfest, Foto: Albrecht Fuchs 9. Rauchen einer Opiumpfeife 10. Frau der Hmong bei der Opiumernte. 11. Die Berge im Norden Vietnams 12. Red Yao aus Tonkin, ca 1920. 13/14. Red Yao Anfang 20 Jh. 15. Postkarte „Cochinchine“ mit der Hand eines Schriftstellers 16. Früher trugen die Männer noch gerne Tracht. Hier ein Hmong aus Northailand 17. Black Hmong in Sa Pa, Vietnam 18. Das Gebiet „Zomia“, das südostasiatische Zentralmassiv 19. Yao Dame beim Sticken 20. Pan Hu sah vielleicht so aus 21. Das Symbol des Pan Hu auf dem Rücken der Jacken 22/23. Kinder der roten Yao 24. Die Kopftücher und Trachten der „roten“ Yao 25. Hmong aus Laos, Foto: Choke Chai 26. Die Reisterrassen bei Sapa, Nordvietnam 27 Markttag bei den „Flower“ Hmongs in Bac Ha, Nordvietnam 28. „Flower“ Hmongs in ihrer typischen Tracht, ca 3-4 Quartal 20 Jh. 29. Frauen der Hani beim Einkaufen heute:  Industriell gefertigte Borten und synthetische Stoffe, Xinje, Honghe, Yunnan, Südchina  30. Die „long-horned“ Miao aus Guizhou, Südchina 31. Dieser Hmong aus Thailand zeigt durch seine schicken Haarspangen, das er noch zu haben ist. 32. Tiger Baby Cap aus China, Foto: Olaf Blecker

 

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