Innenräume in Usbekistan. Curpa und Caroq

Textilien spielten in Usbekistan bei der Einrichtung des Heimes immer eine zentrale Rolle, da es so gut wie keine Möbel gab. Das galt nicht nur für die Normaden in den Yurten sondern auch für die Stadtbevölkerung. Man saß auf dem Boden uns als Tisch gab es ein längliches gewebtes Tuch, den Dastarkhan. Schränke waren bestickte Säcke (Napramach), Betten bestanden aus verschiedenen gesteppten oder bezogenen Decken, den Kurpas. Es gab ab und an mal ein kleines Schränkchen oder einen kleinen Beistelltisch für die Teekanne, das war´s. In die Wände, die auch gerne sehr kleinteilig bemalt wurden, waren oft Nischen eingebaut. Da zeigte man dann, wie in einer Vitrine, seine besten Stücke. Manchmal wurde auch ein Vorhang davor gehängt, der Kirpech. Die Decken für die Betten wurden tagsüber zu grossen Stapeln aufgetürmt, dem „chuk“. Hier galt: Je höher der Stapel, umso reicher die Bewohner, und umso größer das Prestige, und umso weniger Kälte. Der Chuk wurde dementsprechend auch gerne mit Borten und Quasten verschönert. Die Kurpas wurden immer aus verschiedenen Stoffen angefertigt. Viele verschiedene Stoffe bedeute schließlich den bösen Geist zu verwirren.

Vor dem Aufbau der Textilkombinate in der Sowjetzeit wurden die Kurpas aus den handgemachten Ikatstoffen gefertigt, manche wurden mit importierten russischen Blumenstoffen unterfüttert, manche waren ganz aus diesen teuer importierten Stoffen gefertigt. Später dann wurden sie nur noch aus den in den Kolchosen maschinell hergestellten Stoffen produziert. Sehr beliebt waren die preisgünstigeren Ikatdrucke. Die Decken waren mit Baumwollflies gefüttert, wurden aber auch ohne Inlay verwendet.

Oft wurden die Decken auch mit Patchworkarbeiten verziert, den Caroqs. Wenn man sich ein wenig den zentralasiatischen Textilgeschmack und den muslimischen Hintergrund vor Augen führt, liegt der Hang zum Patchwork in jeglicher Form sehr nahe. Das geht bei den verschiedenen Druckstoffen als Innenfutter für die Chapanmäntel los und endet meisterlich in übergroßen Caroqs, die so vor den Augen flirren, das selbst die bösen Geister meschugge werden müssen. Die dunklen Kräfte, die Krankheiten und Tot bringen, sind nämlich durch die wilden Muster so abgelenkt, das sie die Menschen darauf und darin nicht mehr erkennen und belästigen können. Auf Patchworkdecken ist man also sicher und kann in Ruhe schlafen. So zumindest der Glaube in Usbekistan.

Es liegt auf der Hand, das Caroq auch sehr gerne für Babywiegen und Kinderkleidung verwendet wurde. Schließlich brauchen die Kleinen ganz besonderen Schutz. Auch Fenster und Türen wurden gerne mit dem Geistervertreiber verziert. Da man glaubte, das Stoffe generell auch gute Kräfte transportieren können, wurden oft kleine Stoffstücke von Kleidern verwendet, die zuvor Menschen gehörten, deren gute Kräfte man sich wünschte. Das konnten Frauen mit vielen Kindern sein, besonders schlaue Menschen oder tapfere Krieger. Dieser Glaube war besonders in den ländlichen Normadengebieten zu Hause. Natürlich zeigten diese elaborierten Stoffkunstwerke auch die Fähigkeiten und das Talent ihrer Gestalterinnen. Ein wichtiger Aspekt für eine Braut vor der Ehe, die ihre Aussteuer in der Zeit zwischen Hochzeit und Einzug in das neue Heim, anfertigte. Der gute Ruf der ganzen Familie stand da auf dem Spiel. Am Ende einer Hochzeit wurde den Gästen oft Stoff aus der Aussteuer für ihre eigenen Caroqs mitgegeben. So konnten sie zum einen die Verbindung halten und zum anderen konnten die Gäste, die vielleicht verhindert waren, doch noch ein wenig teilnehmen. Sehr praktisch.

Die Decken aus dem späten 19. bis zur Mitte des 20 Jh. sind Ansammlungen alter russischer Druckstoffe und feiner Ikats. Sie wurden oft mit einfarbigen Dreiecken in Schwarz oder Weiß in ein übergreifendes Muster eingebunden. Die Form des Dreiecks steht im direkten Bezug zu dem Doga, einem der populärsten Amulette dieses Kulturraumes. Diese Talismane wurden gerne inflationär in langen Bahnen aufgenäht, ganz nach der Devise „viel hilft viel“. Ähnlich ist es übrigens bei den amerikanischen Quilts, da heissen diese Dreiecke „flying geese“, Flugenten. In Amerika ist die Intension eher der Formenvielfalt und Technik geschuldet und hat keinen spirituellen Unterbau wie beim Patchwork aus Zentralasien. Wer einmal die kahle, baumlose Weite, den wolkenlosen Himmel, die unglaubliche Kraft der Sonne in der monochrom, beigefarbenen Landschaft Usbekistans oder Zentralasien erlebt hat, wird die Idee, sich hinter Stoff zu verstecken vielleicht etwas besser verstehen.

Noch mehr wissen über Usbekistan.

Bilder rechte Seite von oben nach unten: 

  1. Die hohen Deckenstapel (Chuks) weisen darauf hin, das es sich hier um eine wohlhabende Familie handelt. Ausserdem hatten sie ein Radio, einen Plattenspieler und ein Samowar. Max Penson ca. 1930/40.
  2.  In einem Museum in Chiva. Heute hat man für die Decken und Teppiche den Pannesamt für sich entdeckt. 
  3. Im Inneren eines Zeltes von Kirgisen. Auch hier wieder schöne Stapel Decken an der Wand. Ende 19. Jh. Aus dem Turkestan Album. Library of Congress Prints & Photographs Division Washington, D.C.  20540 USA
  4.  Dieser Museumsaufbau aus Chiva gibt einen kleinen Einblick wie das Leben mit sehr wenig Möbeln in einem Haus ausgesehen haben kann.  
  5.  Innenraum des ethnologischen Museums in Tashkent. Wer es sich leisten konnte, wendete das Patchwork Prinzip auch bei der Innenraumgestaltung an.
  6. Detail eine typisch usbekischen Wandverkleidung. Bukhara 2013
  7. In den 60er/70er Jahren waren solche Faux-Ikats sehr beliebt. Dieser hier ist Teil einer Curpa und hat auf der Rückseite ein Streublumenmuster. 
  8. Dieser Eingang zu einer Moschee in Samarkand zeigt, dass die Liebe zum Patchwork auch nicht vor der Tür halt macht. Schon gar nicht, wenn man sowieso alles mit kleinteiligen Mosaiken verziert. 

Bilder linke Seite von oben nach unten: 

  1. Auch in einer modernere Einrichtung mit Tischen und Stühlen wurde nicht auf den Chuk verzichtet. Max Penson, ca 1940
  2. Das gestalterische Prinzip Mosaik und Patchwork macht in Usbekistan auch nicht vor Sahnetörtchen halt. So gesehen auf dem Markt in Samarkand.
  3. „New way of life“ heisst dieses Bild von Max Penson das wahrscheinlich in den 40/50er Jahren entstanden ist. Man liest die Zeitung, hat einen Samowar und viele schicke große Teller. Und Stapel von Curpas bis fast zur Decke: Uns geht´s gut und wir sind reich! 
  4. Detail eine typisch usbekischen Wandverkleidung. Bukhara 2013
  5. 1946

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