Ungarische Volkskunst aus Kalotaszeg

Das aus etwa 35-40 Dörfern bestehende Gebiet Kalotaszeg liegt ca 80 km westlich von Cluj-Napoca in Transilvaniens, einer nördlichen Provinz Rumäniens mit Gruselimage. Von Ungarn besiedelte Gebiete gibt es in Rumänien einige, lange Gehörte Transsilvanien zu Ungarn oder zur K.u.K. Monarchie. Der Vielvölkerstaat hat heute einen Anteil von 12,2 Prozent „mitwohnenden“ Nationen, von denen der Grossteil Ungarn und Deutsche sind.

Die Menschen auf dem Hochplateau von Kalotaszeg richteten sich wegen der kargen Natur und ihrer Armut schon früh darauf ein, ihren Lebensunterhalt mit Hilfe von Handarbeit und Handwerk zu verdienen. Dazu gehörten neben den Trachten auch Tanz und Musik, Töpferarbeiten, Korbflechten, Holzschnitzereien und Architektur. In dem einst ausgedehnten Waldgebiet finden sich auch heute noch viele schöne Denkmäler der Holzschnitzkunst: Portale, Spinnrocken, verzierte Joche und Grabkreuze.

Ethnographen wurden schon früh auf die Region und ihre ausserordentlich farbenfrohen Volkstrachten aufmerksam. Die erste Ausstellung über Arbeiten aus Kalotaszeg fand 1885 in Budapest statt. Aufgrund des grossen Interesses und den vielen Besucher, entwickelte sich eine Art dörflicher Industrie, mit unterschiedlichen Gegenständen der Volkskunst. Altes Handwerk und Traditionen wurden „hot shit“. 1896 wurde die Volkskunst von Kalotaszeg, wieder mit grossem Erfolg, auf der Weltausstellung in Paris gezeigt.

In Budapest blieb die ungarische Volkskunst bis weit in den Jugendstil hinein modern. Der bekannteste Liebhaber der Trachten von Kalotaszeg war der ungarische Komponist Béla Bartók (1881–1945). Seine umfangreiche Sammlung die Trachten und Volkskunst aus Kalotaszeg befindet sich heute im ethnographischen Museum in Budapest. Gemeinsam mit Zoltán Kodály sammelte er auch die alten Volkslieder der Region, schließlich basierten seine Kompositionen sehr oft auf der Volksmusik der Ungarn. Er war aber nicht der einzige. Im frühen 20sten Jh. kamen viele Künstler nach Kalotaszeg, die von der grossen Raffinesse und künstlerischen Ausdrucksweise der Alltags- und Festkultur in dieser Region beeindruckt waren. Der Art Nouveau Künstler Aladár Kriesch fügte aus Respekt und Liebe zu der Region das Wort ‘Körösfoi” zu seinem Namen hinzu. Körösfö, das heutige Izvoru Crioului (auf deutsch: Krieschwej) ist heute das Souvenirdorf der Region.

Auch der ungarische Architekt und Autor Károly Kós liebte die Volkskunst aus Körösfö, ebenso wie die Künstler der Künstlerkolonie Gödöllo, der mondänen Sommerfrische für Budapester Adelsfamilien. Aber auch die Mittelschicht fand in der Zeit des Jugendstils grossen Gefallen an der Folklore aus Kalotaszeg, die in der bildenden und dekorativen Kunst so en vogue war. Das kam nicht von ungefähr, denn bei den Ungarn in Rumänien wurden im Laufe der Jahrhunderte viele Elemente, Techniken und Ornamente der Volkskunst von den gehobenen Klassen und breiten Bevölkerungsschichten adaptiert.

Schon vor 100 Jahren verkauften dir Frauen aus Kalotaszeg ihre Stickereien in den Städten der Umgebung, wie zb. in Debrecen. Das sie ihre Textilien verkaufen, ob auf Märkten oder bei sich im Dorf, hat sich bis heute nicht geändert. Sie bieten Sachen an, die sie einmal für sich selbst gefertigt haben, sie verändern alte Fundstücke und sie besticken neu. Als gute Geschäftsfrauen achten sie darauf, das ihre Waren weiterhin beliebt bleiben. Da Touristen nicht immer einen guten Geschmack haben. bieten die Frauen aus Kalotaszeg auch wirklich scheußliche Sachen an, die so gar nicht ihrem eigenen ästhetischen Empfinden entsprechen.

Mehr über die Textilien aus Kalotaszeg. 

Fotos, rechts von oben nach unten:  

Alle Fotos von Erdödi Mihály, Körösfö und Kalotaszeg 1940. Aus dem Archiv des ethnologischen Museum in Budapest. Neprajzi Museum Budapest.

  1. Frauen in Trachten aus Kalotaszeg um 1940, vor einer typischen „Kissenwand“, mit gehäkelten und gewebten Rändern. 
  2. Der „Showroom“ eines Töpfers
  3. Frauen aus Kalotaszeg verkaufen in Debrecen ihre Stickereien. Um 1940. Die Damen aus Kalotaszeg waren immer schon serh geschäftstüchtig und ihre Stickereien sehr beliebt. 
  4. Junge Mädchen sticken Kissen. Hier wahrscheinlich eher für den Verkauf, als für die eigene Aussteuer.
  5. Die Kirche in Huedin, Kalotaszeg
  6. Typisches Stickzeug einer alten Dame in Kalotaszeg mit Vorzeichnung.

Fotos, links von oben nach unten:

  1. Die Aussteuertruhe wird befüllt. Zur Hochzeit war dies ein wichtiger Monet. So wurde unter anderem der Reichtum und die Fähigkeiten der Braut gezeigt.
  2. In der Kirche von Huedin, dem größten Ort in der Region Kalotaszeg. Da, wo die blaue Stickerei angebracht sind, sitzen die Männer, für die Frauen sind die roten Stickereien und die schwarzen sind für die Toten. Da die Ungarn in Kalotaszeg Calvinisten sind schmücken sie ihre Kirchen nicht mit Abbildungen Gottes, sondern mit ihren Stickereien.

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